arbeit ist das halbe leben

Arbeit ist das halbe Leben. Im Schweiße deines Angesichts…

Hand aufs Herz:
Müssen Sie arbeiten?

Ich meine die Frage wirklich ernst.
Müssen Sie arbeiten?

Vielleicht fühlen Sie sich jetzt auf die Schippe genommen und denken „Hä? Will der mich verarschen? Natürlich muss ich arbeiten! Von irgendwas muss ich ja schließlich leben! Meine Rechnungen bezahlen sich nun mal nicht von alleine.“

Das stimmt natürlich.
Auch mir sind Selbstverantwortlichkeit, Selbstbestimmtheit und Integrität zentrale ethische Werte.

Worauf es mir ankommt, das ist das „müssen“ in der Frage.

Das arbeiten müssen.

Es geht mir um unsere Einstellung zu dem Phänomen Arbeit, um unsere innere Haltung dazu und um den inneren Dialog, den wir über „Arbeit“ führen. Um vermeintliche Gewissheiten wie…

Arbeit ist das halbe Leben.
Arbeit ist doof.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.

Folgerichtig beginnt schon sonntags nachmittags der größte Teil der Republik zu denken: „Oh je, morgen muss ich wieder arbeiten.“ Und fühlt sich auch demgemäß: vielleicht betroffen, ausgeliefert, gereizt, angespannt, vielleicht genervt, unbehaglich oder einfach müde und matt (lesen Sie mehr über Gefühle und Pseudogefühle).

In welcher Kultur und Gesellschaft würden wir leben, dächte der größte Teil der Republik am heiligen Sonntag: „Morgen will ich wieder arbeiten“?

„Müssen“ hat die niedrigste Schwingung, habe ich von einem weisen Mann gelernt.
Ich gebe ihm recht, denn es beinhaltet, dass ich Opfer bin, dass ich gar nicht anders kann.
Es beinhaltet, dass ich die Verantwortung abgebe, an was oder wen auch immer.
An meinen Chef, an meine Familie, an die Umstände, an die Politik, ans Wetter.
Da lässt sich vieles finden. Und das sehr leicht.

Und:

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie arbeiten wollen.

Dass Sie vielleicht sogar froh sind, dass Sie arbeiten dürfen.

Ja, arbeiten dürfen!

Weil es Freude macht.
Weil es herausfordert und ermöglicht, sich entfalten zu können.
Weil es ein Beitrag ist für andere.
Vor allem, weil es dem eigenen Leben Sinn gibt.

Das ist in meinen Augen der Idealzustand.
Entsprechend lohnt es sich, ihn anzustreben, ihn für sich selbst zu verwirklichen.

Tatsächlich kenne ich viele Menschen, die genau so leben.
Menschen, die ihre Arbeit lieben und darin aufgehen.

Allerdings kenne ich noch viel mehr Menschen, die weit davon entfernt sind.
Meilenweit.

Waren Sie schon mal in einem Ashram?

Nein?

Wer weiß, vielleicht waren Sie schon mal in einem und wussten es nur nicht.

Häufig werden mit „Ashram“ Indien oder Nepal assoziiert, kahlköpfige, entrückt lächelnde, in gelbe, rostrote oder ockerfarbene Gewänder gehüllte Mönche und Nonnen.

Es geht auch anders.
Man kann sich auch in einem siebengeschossigen Beton-Brocken in einem Ashram befinden, in einem „klosterähnlichen Meditationszentrum“ (Wikipedia-Definition für Ashram).

Zum Beispiel in der ehemaligen Park-Klinik im beschaulichen Bad Meinberg im Teutoburger Wald.
Dem heutigen Yoga Vidia Yoga- und Ausbildungszentrum.

An Pfingsten bin ich unter anderem dem Phänomen „arbeiten“ an diesem Ort nachgegangen, das lohnt sich.
Denn es geht eher um eine Art von Arbeit, die ich „praktizieren“ nenne.
Beim Boden wischen, Geschirr spülen, Garten umgraben, Gäste einchecken.
Beim arbeiten also.

„Praktizieren“ im obigen Sinne bedeutet, nur DAS zu tun, was ich gerade tue.
Aufzuhören, nur auf ein Ergebnis zu starren, das es in möglichst kurzer Zeit zu erreichen gilt.
Sich zu üben in – Achtung, jetzt kommt ein arg strapaziertes Nomen – Achtsamkeit.

Diese Achtsamkeit wiederum ist wichtige Zutat und Voraussetzung für den Flow-Zustand, für jenes selbstvergessene Aufgehen im Tun, wie es uns die Kinder völlig selbstverständlich vorleben (sofern wir sie nicht dabei stören).

Und genau so – oder trotzdem – Ergebnisse zu produzieren.
Handfeste Resultate!
Ob Sie angestellt oder selbständig Ihre Brötchen verdienen.

Was denken Sie, wenn Sie das lesen?
Schöne Worte, aber fern der Realität?
Sollte ich mal zu Ihnen in die Firma kommen, damit ich sehe, was es heißt zu arbeiten?

Ja, es läge nahe, so zu denken.
Weil „praktizieren“ im obigen Sinne bedeutet, an „Arbeit“ nicht im physikalischen Sinne heranzugehen sondern im philosophischen: als bewusstes, schöpferisches Handeln des Menschen.

Ich behaupte, das können wir.

Weil es um unsere Einstellung dazu geht, darum welche innere Haltung wir dazu einnehmen.

Das erklärt auch, wieso Ihr zehnjähriger Sohn geschlagene zwei Stunden lang einem Ball hinterher rennen kann, nach zehn Minuten Rasenmähen aber zerknirscht um das baldige Ende seines Tuns bettelt.

Wichtig ist mir zu betonen:
Ich rede nicht von menschenunwürdiger Arbeit in heruntergekommenen Nähereien in Bangladesh.
Ich rede nicht von Arbeitssklaverei im Land der Fußballweltmeisterschaft 2022.
Auch nicht von Asbest-Entsorgern mit Sechs-Tage-Woche auf Ost-Berliner Baustellen.

Obwohl es natürlich auch unter furchtbaren Bedingungen um die innere Einstellung geht.
Letzten Endes.

Große Menschen leben das vor, Menschen, die wir bewundern.
Wie Jaques Lusseyran, Viktor Frankl, Nelson Mandela.
Oder die alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die bei Ihnen um die Ecke wohnt…

Arbeit als Pflicht und Daseinserfüllung

Das ist der Untertitel eines anregenden Deutschlandfunk-Diskurses, ein verschriftlichter Audio-Podcast. Er beginnt so:

„In der Antike kennzeichnete (…) die Freiheit von körperlicher Arbeit den Bürger – nur der Unfreie ‚arbeitete‘. Im Mittelalter konnte ein Adliger Titel und Rechte verlieren, wenn man ihn bei solch niederer Tätigkeit ertappte. Mit Luther kam der Wandel: (…)“

Der Beitrag heißt bezeichnenderweise „Im Schweiße deines Angesichts“.

Also:
Nur DAS tun, was Sie gleich tun werden.
Statt nur aufs Ergebnis auf achtsames Sein und Tun aus sein.
Als innere Haltung.
Weil es uns bewusstem, schöpferischem Handeln näher bringt.

Was meinen Sie:

Wollen Sie praktizieren? Zum Beispiel heute?

Ich freue mich auf Ihren Kommentar.

Sie helfen mir sehr, wenn Sie diesen Beitrag mit Ihren Kontakten teilen.
Vielen Dank!

4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Das „Arbeiten-Müssen“ habe ich aus der Familiengeschichte geerbt, wie einen Fluch. Arbeit als Erfüllung war sowas von nicht vorstellbar, dass ich bis heute ordentlich mit den Ausläufern dieser Denkweise zu tun habe. „Es ist egal was man tut, irgendwann ist es doch nur Routine und Quälerei“, so ein O-Ton. Ich bin Anfang 50. Meine Mutter hat mich erst vor wenigen Tagen gefragt, was ich eigentlich genau arbeite. Und weißt du, warum? Weil sie mich jetzt eine Weile nicht mehr hat jammern hören. Beides werte ich als Fortschritt 🙂

    Achtsam war für mich lange Zeit die kleine Schwester von öde. Ich glaube, das liegt an der Grundausstattung meines Gehirns, das nach Abwechslung giert, so lange ich denken kann. Und so bahne ich mir erst seit kurzem meinen Zugang zu den Qualitäten der Achtsamkeit.

    Zurzeit ist mein Thema die Schönheit des Banalen: Fegen. Excel-Liste ausfüllen. Schreibtisch leer machen. Nicht nebenbei telefonieren oder Radio hören. Es sei denn, es fördert den Flow. „Schnell mal“ nur noch, wenn der Schnellmalmodus wirklich Spaß macht.

    Allein die Aufgabe, mir bewusst zu machen, wann ein zusätzlicher Reiz förderlich ist, und wann nicht, ist schon spannend.

    1. „Weil sie mich jetzt eine Weile nicht mehr hat jammern hören.“
      Danke für Ihre Offenheit und Klarheit, Andrea.

      Das „Arbeiten-Müssen“ als familiäres Erbe ist mir genauso vertraut wie Ihnen. Ich halte es für ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, nicht für ein familienspezifisches.

      Der Philosoph Frithjof Bergmann sagt, der weit überwiegende Teil von uns nehme Arbeit einfach als „milde Krankheit“ hin.

      Umso mehr beeindruckt mich Ihr Fund der „Schönheit im Banalen“.
      Und „schnell mal“ nur noch dann, wenn es auch wirklich Spaß macht.
      Ich gratuliere!

  2. Hallo Robert,
    viele unterschätzen die Bedeutung und den Gebrauch der Modalverben: müssen, sollen, dürfen, wollen, möchten. Etwas wirklich „müssen“ tun wir ja nicht. Das ist Sozialisierung und Enkulturation, geht also richtig tief und ist uns meistens gar nicht bewusst. Das haben wir mit der Muttermilch aufgenommen, wir nehmen es gar nicht wahr. Es braucht also Sensibilisierung für das, was wir als selbstverständlich annehmen, um weg zu kommen von unserem Autopiloten. Gar nicht so einfach. Doch ich übe, übe, übe …..
    Jedes Mal wenn ich mich bei einem „müssen“ ertappe, bin ich ein Stückchen aufmerksamer geworden.
    Beste Grüße,
    Beatrix

    1. Genau SO geht´s mir auch, Beatrix:
      Ich übe, übe, übe …..

      Was mich dabei beruhigt und erfreut, ist diese Weisheit:
      Ein Meister ist, der übt.

      Danke fürs Teilen deiner Erfahrungen.
      Robert

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